Nokia baut Lernbrücken im Dschungel

Millionen von Schülern in aller Welt erhalten keine vernünftige Ausbildung, weil es an allem mangelt: Schulhäusern, Lehrern, Lehrmaterial. Hier hilft „Bridge-it“, ein gemeinsames Projekt von Nokia und der UNDP. UmweltDialog sprach darüber mit Veronica Scheubel, Senior Manager Community Involvement Nokia.
13.09.2005
Fotos 1-4: Nokia
New York (UD) - Bildung ist ein kostbares Gut. Oft so kostbar, dass eine gute Ausbildung in vielen Ländern der Welt ein unerfüllter Wunsch bleibt. Während reiche Staaten wie die USA jährlich rund 4.000 US$ pro Schüler ausgeben, sind es in Nepal gerade einmal 8 US$.  Das Projekt Bridge-it ermöglicht es, auch entlegenste Schulklassen über Mobilfunk und Satellit mit Lernvideos zu versorgen. Auf den Philippinen gestartet kann das gemeinsame Projekt von Nokia, der UNDP und anderen Organisationen mittlerweile eine stolze Zwischenbilanz ziehen: 200 Schulen mit 750 Lehrern und 170.000 Schülern beteiligen sich. Das Angebot umfasst neben 80 internationalen Lernmodulen auch 250 speziell für das Projekt entwickelte Unterrichtseinheiten des philippinischen Bildungsministeriums.
 
UmweltDialog: Wie kam es zu der Projektidee Bridge-it?

Veronica Scheubel: Es gibt viele Initiativen, bei denen Computer in Entwicklungsländer geschickt werden. Auch wir bei Nokia wurden als Mitglied der United Nations ICT-Taskforce gefragt, wollt ihr da nicht mitmachen? Habt ihr nicht gebrauchte Computer, die ihr zur Verfügung stellen könnt? Aber wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Warum? Weil eine Schule in einem Entwicklungsland eine sehr hohe Infrastruktur besitzen muss, um überhaupt einen Computer nutzen zu können. Das fängt an mit Klassenzimmern, mit Elektrizität, mit Security – also Wachmännern – damit die Computer nicht verschwinden. Das bedeutet, dass das dann schon eine richtig große Schule sein muss. Aber was ist mit den vielen anderen kleineren Schulen, die diese Infrastruktur nicht haben? Hier setzt das Projekt Bridge-it an.

UmweltDialog: Wie kann ich mir den Schulalltag vorstellen?


Scheubel: Lehrer von Schulen in Entwicklungsländern erhalten von dieser Unternehmensplattform ein Fernsehgerät, eine Settop-Box und ein Mobilfunkgerät. Dazu gibt es einen Katalog von 80 Mathematik- und Wissenschaftsvideos mit kurzer Beschreibung. Der Lehrer kann sich entscheiden, was er unterrichten möchte und gibt pro ausgewähltem Video einfach einen Code als Textmessage ein. Der Code geht dann an einen Server, das Signal an einen Satelliten und in den „Ruhezeiten“, in den frühen Morgenstunden, wird der Beitrag direkt in die Settop-Box im Klassenzimmer übertragen. Das phantastische an diesem Projekt ist, dass es nur 5 US-$ pro Schüler kostet!

UmweltDialog: Wie ist die Resonanz?

Scheubel: Die Resultate zeigen, dass sich die Schulnoten der Kinder um einiges verbessert haben. Wir haben katholische Nonnen auf den Philippinen trainiert, die begeistert sind von diesem System und auch die Kinder haben sehr viel mehr Spaß am Lernen, teilweise soviel, dass sie ihre Eltern mitbringen. Die Eltern setzen sich hinten in den Klassenraum und schauen mit.
 
UmweltDialog: Gibt es hier auch Rückkopplungen, dass man das Lernprogramm auch optimieren kann?
 
Scheubel: Auf jeden Fall. Wir überlegen zum Beispiel derzeit, neue Module hinzuzufügen, bei denen es um die Gesundheitsvorsorge geht. Denn in vielen Ländern rund um die Welt ist ja Aids ein Thema. Wir haben auch Gespräche mit dem Discovery Channel, die kostenlos weiteres Material zur Verfügung stellen wollen.
 
UmweltDialog: Aber lässt sich das Projekt überhaupt in einer ärmlich ausgerüsteten Schule realisieren?
 
Scheubel: Ja, sie brauchen nur einen Generator für Elektrizität! Alles andere leisten wir. Wenn technische Probleme auftreten, bieten wir eine 24 h Helpline.



UmweltDialog: ...und wie steht es um die Sicherheit der Geräte?
 
Scheubel: Auch wir haben uns am Anfang gefragt: Was ist, wenn das Equipment gestohlen wird? Aber wir haben hier sehr positive Erfahrungen gemacht. Der Lehrer nimmt das Telefon abends mit nach Hause. Um den Fernseher und die Settop-Box haben die Gemeinden  Holzverschläge gebaut, die abends abgeschlossen werden. So schützen die Gemeinden ihre Schulen selber.
 
UmweltDialog: Das Projekt Bridge-it wurde zusammen mit UNDP und anderen entwickelt. Wer hat dabei welches Know How beigesteuert?
 
Scheubel:
Nokia hat das technologische Know How beigetragen. Die International Youth Foundation übernimmt die Lehrerfortbildung, was für die Akzeptanz sehr wichtig ist. UNDP schließlich war wichtig, um die Beziehungen zu den Bildungsministerien herzustellen. Die Pearson-Stiftung hat die 80 Lehrmodule zur Verfügung gestellt.

UmweltDialog: Wie finanziert sich Bridge-it ?
 
Scheubel: Bridge-It ist voll finanziert durch die Plattform und durch einen Beitrag des philippinischen Bildungsministeriums. Aber es ist sicherlich eine lowcost –Einrichtung im Vergleich mit Computer-Klassenzimmern. Die Attraktivität sieht man vielleicht daran, dass das Bildungsministerium von Fidschi uns einen 50 Seiten-Vorschlag geschickt hat, damit wir das Projekt auch dort umsetzen. Es ist also durchaus finanzierbar.
 
UmweltDialog: Bildung ist staatliche Hoheitsaufgabe. Was können und sollen privatwirtschaftliche Initiativen wie Bridge-it leisten?


Veronica Scheubel, Senior Manager Community Involvement Nokia

Scheubel: Es soll kein Sich-einmischen sein. Es geht hier um Partnerschaften. Aber es gibt noch viel zu wenige solcher Drei-Sektoren-Partnerschaften. Wir wollen hier beispielhaft vorangehen und Zeichen setzen. Die Philippinen sind ein gutes Beispiel: das Bildungsministerium hatte vorher ein Programm, bei welchem es Videos und DVD´s per Post verschickte. Die sind erst Monate später oder nie angekommen. Die Regierung hat mittlerweile gesehen, dass unser Programm einfach effizienter ist und das Budget für das Versenden der Videos ist jetzt unserem Projekt zugeflossen.
 
UmweltDialog:
Bisher gibt es Bridge-it erst auf den Philippinen. Wird es auf andere Regionen übertragen?
 
Scheubel: Das Modell ist wirklich so erfolgreich auf den Philippinen, dass wir es definitiv auch woanders einrichten wollen, aber man kann es nicht einfach so übertragen. Es gibt da eine Vorbereitungszeit. Diese beträgt für Projekte wie Bridge-it etwa 18 Monate. Es ist nämlich sehr wichtig, vor Ort zu schauen, wie sind die Bedürfnisse, mit allen Partner zu sprechen, lokale Umsetzungspartner zu finden. Das braucht seine Zeit. Wir arbeiten aber in einigen anderen Ländern, wo wir das Programm definitiv auflegen wollen.
 
UmweltDialog:
Der „digitale Graben“ zwischen IT-kompetenten Regionen und solchen, die keinen Zugang haben, wird immer größer. Wie will ein Technologieunternehmen wie Nokia hier helfen, den Graben zu verkleinern?
 
Scheubel: Das Bridge-it Projekt ist ja schon ein Beispiel dafür. In vielen Ländern der Welt, das können Sie sich ja vorstellen, werden keine Gräben mehr ausgehoben, um Telefonleitungen zu verlegen, sondern alles läuft mobil. Und um Internetzugang zu haben, werden sie auch ins mobile Internet gehen. Hier hat Nokia eine ganz wichtige Rolle zu spielen. Egal, wo immer auf der Welt, sogar im Amazonas, können Sie das Internet durch Nokia mobil erreichen. Das ist ein Modell, bei dem Bridge-it wegweisend ist.



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